Travellers We Love #004: Sissi Korhonen

Sissi Korhonen ließ ihre Heimat Finnland weit hinter sich und machte sich mit ihrem Fahrrad auf zu einer Tour von Südamerika nach Mittelamerika. Ihre Reise begann 2015 in Ushuaia, Argentinien, auf einer Straße, die sie bis nach Mexiko führte.

Dank Sissis spontaner Art ist dabei kein Tag wie der andere. Bevor sie ihre nächste 1200 Kilometer lange Etappe beginnt, erzählt sie uns einige Anekdoten ihrer Abenteuer, teilt Infos über wichtige Themen wie Sicherheit, Sichtweise, Angst und Kommunikation und verrät uns, wie es sich eigentlich anfühlt, als Frau ganz alleine durch fremde Länder zu reisen.

Lies mehr über Sissis Reisen auf ihrer Webseite Strangerless. Hoffentlich kann sie auch dich dazu inspirieren, zu Hause wie auch auf Reisen offen auf Menschen zuzugehen, und dabei ihrem Motto zu folgen “Ein Fremder ist einfach ein Freund, den du noch nicht getroffen hast.“

Warum war es für dich wichtig, alleine zu reisen?

Sissi genießt am ersten Tag ihrer Fahrradtour den Blick auf die Tierra del Fuego in Argentinien

Sissi genießt am ersten Tag ihrer Fahrradtour den Blick auf die Tierra del Fuego in Argentinien

Das, was mir beim Reisen am allermeisten Spaß macht, ist Leute zu beobachten. Wenn du alleine unterwegs bist, triffst du jede Menge Leute und hast die Freiheit, Menschen, zu denen du dich automatisch hingezogen fühlst oder zu denen du eine natürliche Verbindung hast, in aller Ruhe und in deinem eigenen Tempo kennen zu lernen. Niemand gibt dir einen Rhythmus oder ein Gesprächsthema vor und keine Menschenseele stört die wunderschöne, harmonische Ruhe, die du mit einem neuen Bekannten (oder alleine) erleben kannst.

Als Sprachenfan ist der ständige Kontakt in einer fremden Sprache definitiv einer der wichtigsten Aspekte, wenn ich mich alleine auf Reisen begebe. Niemand zwingt dich, mit anderen zu reden, aber du verdienst dir quasi das Recht dazu, indem du die jeweilige Sprache lernst.

Außerdem kannst du deinen eigenen Gedanken nachhängen so lange du möchstest. Wenn du alleine bist, kannst du so lange an einem Ort verweilen, wie es dir nötig scheint, und dann weiterfahren, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Du kannst völlig spontane Entscheidungen treffen, die nur von dir und den tollen neuen Menschen, die du unterwegs kennen lernst, abhängen!

Hast du das Gefühl, fremde Menschen behandeln dich anders, weil du als Frau alleine unterwegs bist?

Sissi bereitet sich auf einen neuen Tag voller ungeplanter Abenteuern vor

Sissi bereitet sich auf einen neuen Tag voller ungeplanter Abenteuern vor

Ich glaube, dass man auf eine fremde Frau viel leichter zugehen kann als auf einen Mann. Frauen sind weniger bedrohlich und wirken auf Menschen irgendwie viel vertrauenserweckender. Auf all meinen bisherigen Reisen – und besonders auf der aktuellen – haben mir meine Gastgeber oft gesagt, dass sie es niemals in Erwägung gezogen hätten, mich in ihr Haus einzuladen, wenn ich ein Mann wäre. In dieser Hinsicht hilft mir die Tatsache, dass ich eine Frau bin, also auf jeden Fall dabei, auf Reisen näher an Menschen heran zu kommen.

Allerdings hat dies auch seine Nachteile. Als Frau ist die Aufmerksamkeit, die man bekommt, nicht immer positiv. In Europa und den USA falle ich nicht weiter auf, egal wo ich bin. Aber in Afrika, Asien und Südamerika bin ich eine exotische Ausnahme. Daher kann ich mich dort kaum auf eine Parkbank setzen, ohne dass jemand auf mich zukommt, um sich mit mir zu unterhalten. Und in Südamerika ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass Männer auf mich zukommen und Sex haben möchten. Gottseidank ist das alles rein verbal und sie werden dabei nicht handgreiflich.

Was halten Frauen, denen du auf deinen Reisen begegnest, davon, dass du alleine unterwegs bist?

2015, eine kleine Pause irgendwo in Patagonien, um die Landschaft zu genießen

2015, eine kleine Pause irgendwo in Patagonien, um die Landschaft zu genießen

Es macht immer Spaß auf Reisen Frauen aus der jeweilige Gegend zu begegnen, denn in solchen Situationen wird dir erst wirklich klar, wie unterschiedlich Denkweisen und Erziehung sein können. Ich bin im Grunde genommen mit der Auffassung groß geworden, dass meine Entscheidungen nicht von einem Mann abhängen sollten, doch das gilt bei weiten nicht für alle Frauen auf der Welt.

Auch wenn viele Frauen meinen Mut alleine zu reisen bewundern, ist es nicht ungewöhnlich, dass ich in Ländern, in denen der traditionelle Traum einer Frau ein Ehemann und Kinder sind, mitleidig behandelt werde.

Auf einer Hochzeit im Süden von Brasilien saß ich mit sechs (verheirateten) Frauen an einem Tisch. Als ich ihnen erzählte, dass ich alleine reiste, starrten sie mich alle ganz mitfühlend an. Eine von ihnen nahm meine Hand und sagte „Mach dir keine Sorgen, meine Liebe, deine Zeit kommt noch.“ Ich fand das Ganze recht lustig – ich bin zwar 34 Jahre alt, aber ich habe mir eigentlich noch nie Sorgen darüber gemacht, dass ich im Moment ohne Mann, Haus und Kinder bin.

Was sind die besten Reiseziele, wenn man alleine unterwegs ist?

Sojafelder und rote Feldwege in Canindeyú, Paraguay

Sojafelder und rote Feldwege in Canindeyú, Paraguay

Das hängt von deinen Vorlieben ab: Ruhe und Frieden, Partys oder Menschen. Ich persönlich komme gerne in Kontakt mit den Menschen vor Ort und bin davon überzeugt, dass man das überall auf der Welt tun kann. Wenn du neue Menschen treffen möchtest, solltest du dir Gedanken darüber machen, wie du reist, anstatt wohin. Eine bedeutungsvolle Begegnung kann auch schon im Flugzeug stattfinden, wenn du offen und neugierig auf Menschen zugehst.

Südamerika ist allgemein toll für Alleinreisende, denn die Menschen hier sind unglaublich gastfreundlich. Es gibt viele kleine Dörfer, die nicht von Touristen überlaufen sind, daher sind die Einwohner neugierig darauf, fremde Reisende kennen zu lernen.

Was sollte man als Alleinreisende(r) unbedingt mit sich bringen?

 Grundausrüstung, die Sissi in ihrer Fahrradtasche verstaut. Das Notizbuch von momondo darf natürlich nicht fehlen!

Grundausrüstung, die Sissi in ihrer Fahrradtasche verstaut. Das Notizbuch von momondo darf natürlich nicht fehlen!

Dinge, die mich vor der Einsamkeit bewahren, sind ein Notizbuch, viele Stifte, mein Laptop und meine Kamera. Ich teile meine Erlebnisse gerne über meinen Blog mit anderen und ich zeichne und schreibe sehr gerne, wenn ich alleine bin.

Auch ohne mein Telefon möchte ich nicht mehr reisen. Es ist zudem sehr praktisch als Navigationsgerät und auch als Sicherheit, denn mit Location-Diensten können andere dich finden und du kannst jederzeit jemandem Bescheid geben, wo du bist, was du machst und wer bei dir ist (unbedingt empfehlenswert, wenn du per Anhalterin unterwegs bist oder bei völlig fremden Menschen übernachtest).

Was Selbstverteidigung angeht, habe ich eine Dose Pfefferspray dabei. In vielen Ländern ist das illegal, erkundige dich also unbedingt vorher über die entsprechenden Regeln, bevor du durch den Sicherheitscheck am Flughafen gehst.

Da es sich meiner Ansicht nach aber nicht um eine Waffe handelt, würde ich mir mein eigenes Pfefferspray zusammen mischen, falls mir wirklich einmal jemand das Spray, das ich habe, wegnehmen sollte.
Noch ein nützlicher Tipp: Erzähle nicht gleich jedem, dass du alleine reist. Sei vorsichtig, wem du dich anvertraust. Es ist durchaus in Ordnung, auch mal zu einer Notlüge zu greifen, wenn es deiner eigenen Sicherheit dient.

Wie verleihst du deinen Reisen Bedeutung?

 Zu Besuch im farbenfrohen Stadtviertel La Boca in Buenos Aires, Argentinien

Zu Besuch im farbenfrohen Stadtviertel La Boca in Buenos Aires, Argentinien

Das Wichtigste für mich ist, dass ich auf meinen Reisen etwas lerne. In Lateinamerika möchte ich Spanisch lernen und so viel wie möglich über die einheimischen Kulturen und Denkweisen erfahren. Außerdem möchte ich noch mehr Paragliding, Tauchen, Klettern…

Zudem möchte ich das, was ich lerne, mit anderen teilen – mit Einheimischen ebenso wie Menschen in anderen Ländern. Daher übernachte ich bei Einheimischen und habe jetzt meinen eigenen Blog. Ich verstehe mich nicht als Lehrerin, sondern möchte vielmehr von meinen Erfahrungen erzählen, so dass jeder sich seine eigene Meinung bilden kann, basierend darauf, was ich gesehen, gehört und gefühlt habe.

„Ein Fremder ist einfach ein Freund, den du noch nicht getroffen hast”. Warum glaubst du daran und wie stellst du es an, auf Reisen neue Freunde zu gewinnen?

 Familie Gonzalez in San Miguel de Tucumán, Argentinien – nur einige der vielen großzügigen Menschen, denen Sissi unterwegs begegnet ist

Familie Gonzalez in San Miguel de Tucumán, Argentinien – nur einige der vielen großzügigen Menschen, denen Sissi unterwegs begegnet ist

Ich bin schon seit 16 Jahren als Anhalterin unterwegs und jetzt seit über einem Jahr auch mit dem Fahrrad. Ich spreche unglaublich gerne mit Einheimischen und verbringe Zeit mit ihnen und es verblüfft mich immer wieder, wie freundlich und wunderbar Fremde sein können. Du musst anderen gegenüber nur offen sein, ohne dabei dein Bauchgefühl zu ignorieren. Wenn dir jemand komisch vorkommt, vermeide ihn lieber.

Die Massenmedien vermitteln den Eindruck, dass Menschen furchteinflößend sind. Doch die meisten Personen sind gutherzig und können dir unglaubliche Geschichten erzählen. Vielleicht stellst du sogar fest, dass ein Fremder aus einer völlig anderen Kultur Geschichten und Gedanken hat, die den deinigen sehr ähnlich sind, oder mit denen du dich identifizieren kannst. Der Schlüssel bei allem ist, dass du einfach Fragen stellst und zuhörst, was die andere Person zu sagen hat!

Welche deiner zahlreichen spontanen Begegnungen ist die denkwürdigste?

Ein Mann namens José in der Provinz von Buenos Aires. Er war ein Arbeiter auf einem Bauernhof, auf dem ich eine Nacht verbrachte. Ich kam todmüde von einem langen Tag auf dem Fahrrad am Bauernhof an und der Eigentümer des Hofs war nicht da.

So luden mich José und seine Frau ein, stattdessen mit ihnen zu Abend zu essen und in ihrer Hütte zu übernachten. Obwohl die Familie offensichtlich arm war, tischte José ein Festmahl für mich auf, während seine acht Kinder mir auf den Rücken von Pferden die Gegend zeigten. Die Nacht verbrachte ich dann im selben Raum mit fünf von Josés Kindern.

Bevor ich mich am nächsten Morgen wieder auf mein Fahrrad schwang, trank ich eine Tasse Maté (ein teeähnliches Kräutergetränk, das in Argentinien sehr verbreitet ist) mit José und wir unterhielten uns ein paar Stunden lang. Er war der erste, der mir einen Einblick darauf gewährte, wie Fremde es wahrnehmen, wenn ich plötzlich in ihrem Leben auftauche.

Bis zu jenem Zeitpunkt hatte ich gedacht, ich sei ein Störfaktor, wenn ich Menschen um Hilfe bitte. Doch José sagte: „Unsere Tage sind eintönig. Wir stehen um 5 Uhr morgens auf, arbeiten auf den Feldern, essen, arbeiten, essen, machen einen Mittagsschlaf, arbeiten, essen und schlafen. Jeden Tag. Dein Besuch bringt Abwechslung in unser Leben. Bitte bleibe, so lange du möchtest.“

Wie verbreitest du den Gedanken des „interkulturellen Bewusstseins ”?

 Neugierige Kinder in einem Kindergarten in Campo Largo in der Provinz Chaco, Argentinien

Neugierige Kinder in einem Kindergarten in Campo Largo in der Provinz Chaco, Argentinien

Für mich ist die beste Art und Weise, den Gedanken des interkulturellen Bewusstseins zu verbreiten, indem ich mit gutem Bespiel vorangehe, sowie durch meine Erlebnisse mit Menschen. Ich möchte niemandem etwas vom Prinzip des interkulturellen Bewusstseins predigen, sondern lieber mit den Leuten darüber sprechen, inwiefern Dinge in ihrem Land anders gemacht werden als in meiner Heimat. Für mich ist interkulturelles Bewusstsein vor allem Einstellungssache, ein offener Blick auf die Welt, und etwas, das jeder (selbst Menschen, die nie reisen) in ihren Begegnungen mit Fremden praktizieren können.

Man könnte es mit kulturellem Universalismus und Relativismus vergleichen. Bei Ersterem geht es darum zu verstehen, dass kulturelle Unterschiede existieren und dazu führen, dass Menschen unterschiedlich denken und handeln. Bei Zweiterem geht es um die Fähigkeit, kein Urteil über Unterschiede zu fällen, sondern diese nur zu beobachten und sich so zu verhalten, dass du den Gastgeber nicht ungewollt beleidigst, ohne dass du dadurch deine eigenen Werte zu sehr vernachlässigst.

Das Internet ist ein tolles Hilfsmittel und eine ausgezeichnete Plattform für interkulturelles Bewusstsein, Bildung und Gleichberechtigung. Ich habe vor Kurzem damit begonnen, den Menschen auf dem Land hier in Südamerika beizubringen, wie und für was sie das Internet nutzen können. Mein Ziel ist es, das Ganze in einen Kurs zur Vermittlung internetbasierter Medienkenntnisse zu entwickeln, den ich auf meiner gesamten Reise bis nach Mexiko in Schulen anbieten kann.

Wohin führt dich dein nächstes Etappenziel?

 Den Blick über den Horizont schweifen lassen in der Provinz Rio Grande do Sul im Süden Brasiliens

Den Blick über den Horizont schweifen lassen in der Provinz Rio Grande do Sul im Süden Brasiliens

In zwei Tagen mache ich mich auf zum Karneval von Tilcara, Jujuy, Argentinien, einem der traditionsreichsten und historischsten Karnevals in Südamerika. Von da aus radle ich dann weiter nach Bolivien, Peru, Ecuador, Kolumbien und dann durch Mittelamerika bis nach Mexiko. Ich bin schon seit Monaten in Paraguay, da ich von hier aus ein Online-Magazin für finnische Frauen und andere Schreibprojekte begonnen habe.

Ich träume schon jetzt davon, die Kulturen der Ureinwohner Boliviens zu erforschen, die Familie eines Freundes in Ecuador zu treffen, in Cali, Kolumbien Salsa zu tanzen, mir mit ein wenig Arbeit kostenlose Tauchgänge in Peru zu verdienen, an Kochkursen für authentische mexikanische Gerichte teilzunehmen und noch vieles mehr.

Welche Frage hörst du am häufigsten von Fremden?

„Hast du keine Angst?” ist mit Sicherheit die häufigste Frage. Und die Antwort ist: Ja, die habe ich. Aber ich tue mein Bestes, damit mich meine Angst nicht daran hindert, die Dinge zu tun, die ich tun möchte.

Welche Frage möchtest du unserem nächsten „Travellers We Love“ stellen?

Erweitert das Erlernen von Sprachen unsere Denkweise, oder können zwei Menschen einander ohne eine gemeinsame Sprache verstehen?

Verfolge Sissis Reise auf Strangerless und lerne ihre ehemals Fremden auf ihrem Instagram-Konto kennen. Du suchst nach noch mehr Inspiration? Du möchtest Einheimische auf deinen Reisen kennen lernen? Dann sage „Ja“ zu spontanen Abenteuern!
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